Nats/ April 5, 2021/ an eastside story

Ich wünschte, er wäre hier, Edward mit den Scherenhänden! Ich male mir aus, wie er mit starken, scharfen Klingen über unsere kleine Farm huscht und den urigen Olivenbäumen den rechten Schnitt verpasst. Nein, nein, ich brauche keine knuffigen Tierformen, aber wenigstens ordentlich übersichtliche Baumkronen.

Zauselig sehen diese nämlich aus; struppig, wild, mächtig – und mächtig verwachsen. Wenn man seinen Blick über Felder unserer Insel streifen lässt, erspäht man akkurate, ausgedünnte Nutzpflanzen, die sich wacker auf das Gebären ihrer ölreichen Frucht vorbereiten. Unsere nunmehr, hmm, ja, sie fangen an zu knospen, aber tausende schwarze Früchte wären unerreichbar und zuviel nutritive Energie würde eher vergebens in die höheren Bereiche gepumpt.

Der Olivenhain gehört zum Weingarten meines Großvaters. Täglich kam er hierher und kümmerte sich um die Reben, welche nämlich einer ständigen Hege und Pflege bedürfen, was aber leider nach seinem Tod niemand mehr bewältigen konnte. Eine einsame Weinranke hat überlebte und beglückt uns ab und an noch mit ein paar kernigen Trauben, welche aber schon lange nicht mehr zum keltern reichen. Aber die Bäume, ja, die sind beständiger; Jahrzente alte, brummig knorrige Gewächse, die dennoch fröhlich vor sich hinwachsen.

Wir haben vor zwei Jahren schon einmal begonnen diesen alten Baumbestand meines Großvaters wieder auf Vordermann zu bringen, als schnöde Hobbygärtner war uns die professionelle Baumschneidekunst zunächst unbekannt. Und ist sie zum Teil noch. Unser Feld-Nachbar ging uns dieses Jahr nochmal mit gutem Beispiel voran, gab uns zudem guten Rat, so dass wir diesmal wohl wissen, was wir tun. Radikal müssen wir sein, fast 70% entfernen. Radikal? Das fiel mir beim Schneiden der Weinranke an unserem Haus schon schwer…

Der wilde Wein an den Häusern hier ist nämlich eine Wohltat, schlängelt sich überschwenglich mit seinem satten grün entlang Wänden und Vordächern, schützt vor nachbarlich neugierigen Blicken und spendet ordentlich Schatten. Aber ein altes Sprichwort hier besagt: Der Olivenbaum ist wie deine Mutter und der wilde Wein wie deine Frau. Heißt: Während die Bäume ein Zuviel an wegschneiden verzeihen ist die Ranke bockig und sieht einem groben Verschnitzer nicht so einfach nach. Und wie es auch schon in der Offenbarung geschrieben steht, ward es mir hier die letzten Tage auch oft offenbart: Dem Öl und dem Wein tu kein Leid! 😉

Dennoch überwandt ich mein “zimperlich sein”, welches ich an der heimische Ranke noch ängstlich beihielt, nun im Olivenhain. Es entstand bei der diesjährigen Zurechtstutz-Aktion so viel Grünschnitt, dass wir wohl bei den Wirtschaftsbetrieben zwei Container füllen würden. Hier wird das Geäst oft auf dem Feld selber gleich verbrannt. Ein Osterfeuer par excellence wäre es geworden, aber es war windig – und auf eine radikale Rodung des gesamten Olivenhains und der Nachbarfelder wollten wir dann doch lieber verzeichten – wir sind ja schließlich keine Olivenhainis…